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Fondation Beyeler: Ruth Asawa und die Kunst, mit Draht zu zeichnen

Autorenbild: BaslerIN
BaslerIN
vor 12 Stunden
4 Min. Lesezeit

Sie hängen von der Decke wie schwebende Zeichnungen aus Metall: die Drahtskulpturen von Ruth Asawa. Nach San Francisco, New York und Bilbao kommt die grosse Retrospektive der amerikanischen Künstlerin im Herbst in die Fondation Beyeler nach Riehen, als erste Retrospektive ihres Werks in Europa. Wer die Geschichte hinter den Formen kennt, sieht sie mit anderen Augen.



Hängende Drahtskulptur von Ruth Asawa im Detail, Formen in Formen aus Messing- und Eisendraht
Hängende Drahtskulptur mit ineinanderliegenden Formen, Detailansicht. Ruth Asawa, «Untitled (S.398, Hanging Eight-Lobed, Four-Part, Discontinuous Surface Form within a Form with Spheres in the Seventh and Eighth Lobes)», um 1955, Messingdraht, Eisendraht und verzinkter Eisendraht. The Museum of Modern Art, New York



Ruth Asawa: ein Leben gegen Widerstände

Ruth Aiko Asawa kam am 24. Januar 1926 in Norwalk, Kalifornien, zur Welt, als viertes von sieben Kindern japanischer Einwanderer, die eine Farm bewirtschafteten. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Familie wegen ihrer japanischen Herkunft interniert, zuerst auf der Pferderennbahn Santa Anita, danach im Lager Rohwer in Arkansas. Ausgerechnet dort begann die Jugendliche, Kurse in Malen und Zeichnen zu besuchen.


Nach dem Krieg wollte sie Lehrerin werden. 1946 blieb ihr das Diplom verwehrt, wegen der Vorurteile gegenüber Menschen japanischer Abstammung. Sie schrieb sich stattdessen am Black Mountain College in North Carolina ein, einer experimentellen Kunstschule, an der Josef Albers, Richard Buckminster Fuller und Merce Cunningham unterrichteten. Dort entwickelte sie die offene, forschende Arbeitsweise, die ihr ganzes Werk trägt.



Werke von Ruth Asawa in der Retrospektive im Guggenheim Museum Bilbao
Werke von Ruth Asawa in der Retrospektive im Guggenheim Museum Bilbao. zVg: Guggenheim Museum Bilbao



Drahtskulpturen: Linien, die Raum umschliessen

Den Schlüssel zu ihrem Werk fand sie 1947 während eines Aufenthalts mit Josef und Anni Albers in Toluca, Mexiko. Dort lernte sie, Körbe aus Draht zu schlingen. Zurück in den USA übertrug sie die Technik in die Skulptur: Mit einem Holzstab legte sie Schlaufe an Schlaufe und liess Volumen entstehen, die keinen inneren Kern besitzen.


Ihre bekanntesten Arbeiten hängen frei von der Decke, Formen liegen in Formen, alles bleibt durchlässig für den Blick. Asawa beschrieb das Arbeiten mit Draht als Zeichnen im Raum und sprach von der «Ökonomie einer Linie», die dreidimensionalen Raum umschliesst. Der persönliche Ausdruck interessierte sie weniger als die Frage, was ein Material leisten kann.


Ab den 1960er-Jahren kamen Skulpturen aus gebundenem Draht hinzu, deren verzweigte Formen der Natur nachempfunden sind. Parallel entstanden Papierfaltungen, Bronzegüsse, Masken aus Ton und Reliefs aus einem Teig aus Mehl, Wasser und Salz. Manche Skulpturen fallen winzig aus: Die kleinsten messen kaum mehr als zweieinhalb Zentimeter im Durchmesser.



Saal der Ausstellung Ruth Asawa: Retrospective im Guggenheim Museum Bilbao
Blick in einen Saal der Ausstellung «Ruth Asawa: Retrospective» in Bilbao. zVg: Guggenheim Museum Bilbao



Das Zuhause als Atelier: Familie, Garten und Lithografie

1949 zog Asawa nach San Francisco und heiratete den Architekten Albert Lanier, den sie am Black Mountain College kennengelernt hatte; den Ehering entwarf Buckminster Fuller. Die Familie wuchs auf sechs Kinder an. 1960 kaufte das Paar ein Haus im Quartier Noe Valley, das zugleich Wohnort und Werkstatt war.


Die Kinder waren oft in den kreativen Prozess eingebunden, handgeschnitzte Türen aus Redwood-Holz prägten das Haus, und der eigene Garten lieferte Motive für Zeichnungen und Aquarelle. 1965 arbeitete sie acht Wochen im Tamarind Lithography Workshop in Los Angeles. Ein Blatt wie «Desert Flower» wirkt dabei wie die Draufsicht auf eine ihrer transparenten Drahtskulpturen.



Arbeiten auf Papier von Ruth Asawa in der Retrospektive in Bilbao
Arbeiten auf Papier in der Retrospektive im Guggenheim Museum Bilbao. zVg: Guggenheim Museum Bilbao



Brunnen, Schulen und eine Stadt als Bühne

Ab den späten 1960er-Jahren trat ihre Kunst in den öffentlichen Raum. Für den Ghirardelli Square entstand zwischen 1966 und 1968 der Brunnen «Andrea», für das heutige Grand Hyatt am Union Square von 1970 bis 1973 der «San Francisco Fountain» aus Bronzetafeln. In San José erinnert ein von ihr gestaltetes Mahnmal an die Internierung japanischstämmiger Amerikanerinnen und Amerikaner.


Ebenso wichtig war ihr die Bildung. 1968 gründete sie den Alvarado School Arts Workshop mit und setzte sich unermüdlich für Kunstunterricht an den öffentlichen Schulen San Franciscos ein. Die erste öffentliche Kunstschule der Stadt auf Gymnasialstufe, 1982 mit ihrer Unterstützung gegründet, trägt heute ihren Namen. Ihr Credo klang schlicht: Ein Künstler sei ein gewöhnlicher Mensch, der gewöhnliche Dinge nehmen und sie zu etwas Besonderem machen könne.



Ausstellungsraum der Ruth-Asawa-Retrospektive im Guggenheim Museum Bilbao
Ausstellungsansicht der Retrospektive, die von San Francisco über New York nach Bilbao reiste. zVg: Guggenheim Museum Bilbao



Späte Anerkennung und eine Retrospektive auf Reisen

Die Anerkennung kam spät. 1956 tat eine New Yorker Kritik ihre Arbeiten noch als dekorative Objekte ab. 2020 widmete ihr die amerikanische Post eine Briefmarkenserie, 2024 folgte postum die National Medal of Arts. Ruth Asawa starb 2013 in San Francisco, 2026 wäre sie hundert Jahre alt geworden.


Die erste Retrospektive nach ihrem Tod, gemeinsam konzipiert vom San Francisco Museum of Modern Art und vom Museum of Modern Art in New York, vereint rund 300 Werke aus sechs Jahrzehnten. In San Francisco zählte sie 2025 rund 285'000 Besucherinnen und Besucher, danach war sie bis Februar 2026 in New York und von März bis Mitte September 2026 im Guggenheim Museum Bilbao zu sehen. In Bilbao führten zehn Kapitel durch das Werk, vom Black Mountain College über die Formen in Formen und die Tamarind-Lithografien bis zum Zuhause, das Asawa selbst als ihr Atelier bezeichnete.



Weiterer Saal der Ruth-Asawa-Retrospektive im Guggenheim Museum Bilbao
Ein weiterer Saal der Retrospektive im Guggenheim Museum Bilbao. zVg: Guggenheim Museum Bilbao



Ruth Asawa in der Fondation Beyeler: der Besuch in Riehen

Vom 18. Oktober 2026 bis zum 10. Januar 2027 zeigt die Fondation Beyeler die erste Retrospektive von Ruth Asawa in Europa, erarbeitet in Partnerschaft mit den beiden amerikanischen Museen. Zu sehen sind Draht- und Bronzeskulpturen, Zeichnungen, Druckgrafiken und Gemälde sowie ihre Arbeiten für den öffentlichen Raum, von Brunnen bis zu Gedenkstätten. Unterstützt wird die Schau von der Beyeler-Stiftung und von Hansjörg Wyss.


Wer tiefer eintauchen möchte, findet im Programm deutschsprachige Termine der Reihe «Insights», die einzelne Werke genauer in den Blick nimmt. Ein Besuch lässt sich mit «Constellations» verbinden: Ab dem 26. September 2026 verteilt das Museum rund 230 Werke von Monet bis Rothko erstmals über den Neubau von Peter Zumthor, das Haus von Renzo Piano und den erweiterten Park. Den Titel liefert Alexander Calders Werkserie «Constellations» von 1943.


Parallel dazu würdigt das Kunstmuseum Basel mit Gertrud Dübi-Müller eine Sammlerin, die die Kunst ihrer Zeit aktiv mitprägte. Und wer nachlesen will, welche Rolle Ernst Beyeler bei der Gründung der grossen Kunstmesse spielte, findet sie in der Geschichte der Art Basel. So wird der Herbst in der Fondation Beyeler zur Gelegenheit, eine Künstlerin zu entdecken, die aus einfachem Draht eine eigene Sprache geformt hat.

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