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HAUTE COUTURE IN BASEL

Aktualisiert: Feb 27

Pia Koller, Inhaberin von Atelier Floesser in Basel, beherrscht als einzige Schneiderin der Schweiz das alte Handwerk des Plissierens.


Pia Koller bei der Arbeit in ihrem Atelier Floesser in Basel.



Von Rea Elmiger

Couture-Kunst und insbesondere Plissees haben es der gelernten Kindergärtnerin und Schneiderin angetan. In ihrem Atelier Floesser an der Inneren Margarethenstrasse in Basel arbeiten Pia Koller und ihr Team an aufwendigen Mode-Kreationen für unvergessliche Auftritte. Im Jahr 1999 verschlug es Pia Koller zum Couture-Atelier von Pierre Floesser. Vier Jahre später erwarb sie von ihm das 1956 gegründete, traditionsreiche Geschäft, das sie nun seit bald 20 Jahren im Sinne seines Gründers weiterführt, mit den von ihm übernommenen Werten und den hohen Ansprüchen an die Couture-Kunst.


Handgefertigte Plissees sind Pia Kollers Markenzeichen. Unter Plissieren versteht man die Fixierung von Falten mittels Druck, Temperatur und Wasserdampf. Pia Koller beherrscht dieses alte Handwerk als einzige Schneiderin der Schweiz. Dank ihrem Können verleiht sie den Kollektionen einen ganz speziellen Touch. Plissierte Stoffe werden beispielsweise zu Kleidern, Jupes oder Hosen oder als Blickfang an Ärmeln verarbeitet. Sie sind in jedem Fall Unikate und ein Hingucker in jedem Kleiderschrank.



Das Plissieren – heute und früher


Schon vor über 2500 Jahren plissierten die Ägypter die Gewänder der vornehmen Herrschaften. Sie befeuchteten den Stoff, legten ihn gefältelt auf eine glatte Steinplatte und belegten ihn mit einer zweiten, dunklen Platte, die sich durch Sonneneinstrahlung erhitzte. So wurden die Falten fixiert. Im Mittelalter verwendete man das Stäbchen-Plissee. Ein Holzstäbchen gab das Faltenmass vor, die Falten wurden mit Weizenmehl oder Wurzelsud fixiert. Im 18. Jahrhundert arbeitete man zunehmend mit erhitzten Zangen und Eisen und verlängerte die Haltbarkeit der Falten durch Wachs. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts werden Pappschablonen eingesetzt, die anfangs allerdings fast unerschwinglich teuer waren und zudem oft ersetzt werden mussten, da sie in der Feuchtigkeit litten.


Auch Pia Koller benutzt Kartonschablonen, denn diesem modernen Pappmaterial setzt Nässe wenig zu, ist gut falzbar, bruchfest und dampfdurchlässig. Als Erstes wird ein altes Leintuch auf den grossen Arbeitstisch gespannt. Die untere Schablone wird in ihrer ganzen Länge ausgezogen und am Tischrand festgeklemmt. Darauf wird der Stoff exakt im rechten Winkel gelegt. Schiebebretter, beschwert mit Gewichten, sorgen dafür, dass nichts verrutscht. Danach werden die vorgegebenen Falten zusammengeschoben. Nun muss die Temperatur auf 100 Grad steigen. Nach einer guten halben Stunde wird der Ventilator angestellt, der den Stoff über Nacht trocknen lässt. Bei Pia Koller wird ohne chemische Zusätze und nur mit Wasser fixiert. Zur Plissierung eignen sich alle Stoffe ausser Viskose, aber wirklich dauerhaft halten die Falten nur in Stoffen aus Kunstfasern. Naturfaser-Plissee darf in keinem Fall nass werden, da es sonst die Form verliert.




Nachhaltigkeit und Kundennähe


Mit eigenen Händen etwas Schönes zu kreieren und zu erarbeiten faszinierte die Inhaberin schon immer. Die Gespräche mit ihren Kundinnen sind für sie mindestens so spannend wie das Umsetzen des Nähauftrags. Die leidenschaftliche Schneiderin hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten zahlreiche Stammkundinnen gewinnen können. Das sind Frauen aus der ganzen Schweiz, die es schwierig finden, von der Stange etwas Passendes für sich zu finden. Auch Damen in fortgeschrittenem Alter, die sich schön und besonders kleiden möchten, gehören zu ihrem Kundenkreis.


Im Frühjahr und im Herbst werden die neuen Kollektionen, die Pia Koller und ihr Team geschneidert haben, in Mode-schauen präsentiert. Wünscht sich eine Kundin ein Modell aus der Modeschau, kann es individuell für sie angepasst werden. Die Schauen finden in ganz persönlichem Rahmen im eigenen Atelier und in der Trotte Arlesheim statt und stehen stets unter einem bestimmten Motto. Für den geeigneten Rahmen ihrer Modeschauen sucht Pia Koller immer wieder nach kreativen Ideen. Innovation statt Imitation heisst die Devise. Nebst der Präsentation ihrer Modelle ermöglicht sie den Besucherinnen und Besuchern beispielsweise Einblicke in Handwerks-berufe. Dazu lädt sie entsprechende Berufsleute ein, die über ihre Tätigkeiten berichten.

Foto: Uta Grütter


Die Modeschöpferin legt nicht nur grossen Wert auf perfekte Schneiderinnenarbeit, sondern auch auf Qualitätsstoffe und Nachhaltigkeit. Sie bietet darum handgewobene Stoffe von ihr persönlich bekannten Weberinnen an, führt Stickbordüren und Stoffe von Schweizer Herstellern und kauft persönlich in Mailand, Avignon und Paris Stoffe ein, um sie ihren Kun- dinnen exklusiv anzubieten. Dabei ist ihr wichtig, Stoffe nicht in grösseren Mengen einzukaufen, denn jeder Stoff soll exklusiv erhältlich sein und nicht für mehrere Kleidungsstücke verwendet werden. Falls nach einiger Zeit ein Modell seiner Trägerin nicht mehr passt, wird es von Pia Koller abgeändert und modernisiert. So erhält das jeweilige Lieblingsstück ein zweites Leben.



Die Inspirationen des Lebens


Pia Kollers Inspirationen stammen von ihren Erlebnissen. Sei es von Begegnungen, besonderen Worten, von Gesehenem auf der Strasse oder im Wald oder von einer Lektüre. Ideen kommen ihr vor dem Einschlafen, beim Aufwachen oder unter der Dusche. Bis aus Ideen Neukreationen werden, darf Zeit verstreichen, nach dem Motto «gut Ding will Weile haben». Soll eine Idee umgesetzt werden, geht nicht immer alles gradlinig. Oft muss sie verworfen werden, weil die Umsetzung sich als nicht zufriedenstellend herausstellt. Das muss ausgehalten werden können.


Die Geschäftsinhaberin schätzt in ihrer Selbstständigkeit, dass sie alleine die Verantwortung für alles, was in ihrem Atelier geschieht, trägt: Modellentwerfen und Schnittmusterzeichnen, Zuschneiden und Nähen, Ausbildung ihrer Lernenden, Buchhaltung sowie administrative Aufgaben. Alle Fäden laufen bei ihr zusammen, was spannend und reizvoll und in der heutigen Zeit eher selten geworden ist. Fürs Selbernähen bleibt da wenig Zeit. Hingegen zeichnet Pia Koller sämtliche Schnittmuster genau auf das Mass ihrer Kundinnen selbst und bildet sich seit vielen Jahren auf diesem Gebiet weiter. Auch Pierre Floesser, der nun in Schweden lebt, schaut hin und wieder bei Pia Koller im Atelier vorbei – eine gute Gelegenheit, um sich, wenn nötig, den einen oder anderen Rat vom Altmeister zu holen.


Fotos: Facebook Atelier Floesser


Informationen über Modeschauen und Events von Atelier Floesser finden Sie hier.

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