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TCM-THERAPEUTIN MIT «HELFERSYNDROM»

Aktualisiert: Apr 17

Patricia Raña hilft Menschen in jeder Lebenslage.



Von Rea Elmiger

Es ist ein lauer, sonniger Frühlingstag, als Patricia Raña früh morgens in ihre Praxis «Nayandei» kommt. Beginnen tut er wie immer: Orangenhain-Synergie in die Duftlampen der Behandlungszimmer, durchlüften und die Akten der Patienten für den Tag bereitstellen. Das Teewasser kocht und die Tücher liegen bereits auf, um vorgewärmt zu werden. Da die erste Behandlung eine Tui-Na-Therapie ist, stellt die 40-Jährige schon mal das Massageöl in den Flaschenwärmer. Dann bleibt noch kurz Zeit, um E-Mails zu checken und Rückrufe zu tätigen. Bisher gibt es keine Anrufe, keinen Notfall – Hexenschuss oder Ähnliches – das noch eingeplant werden muss.


Ein spannender Tag erwartet die TCM-Therapeutin. Therapeuten der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) sind Experten für gesundheitliche Probleme. Sie diagnostizieren und behandeln Beschwerden mit Krankheitswert basierend auf dem ganzheitlichen Konzept der chinesischen Medizin. Das können Schmerzen bis Schlafstörungen sein. Ein TCM-Therapeut bedient sich je nach Ausbildung der folgenden Methoden: Akupunktur, Tui Na (manuelle chinesische Therapie), chinesische Arzneimitteltherapie, Tai Chi/Qi Gong oder chinesische Ernährungslehre.


Menschen jeden Lebensalters kommen zu Patricia Raña. Der heutige Nachmittag ist eher etwas kleinkindlastig, der Morgen und Mittag durchmischt und gegen Abend kommen die streng Arbeitenden, die die entspannende Wirkung der Akupunktur in den wohlverdienten Feierabend mitnehmen möchten. Es wird auch sprachlich wieder abwechslungsreich. Es ist sicherlich ein Vorteil, wenn man in einer multikulturellen Stadt wie Basel mehrere Sprachen spricht. Die gebürtige Spanierin praktiziert in sechs Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch) und kann so ihre Liebe zu Sprachen ausleben. «Dass ich kein Chinesisch spreche, stört meine Kundschaft nicht», lacht sie.


Die erste Patientin trifft Patricia Raña an diesem Tag zum ersten Mal. Es wird also ein detail- liertes Gespräch. Das Hauptanliegen zuerst: Kopfschmerzen, wo? wann? wie oft? Wie äussern sie sich? Was verbessert oder verschlechtert sie? Diese Informationen geben ihr Aufschluss über die Wahl der Akupunkturpunkte. Nicht jedes Kopfweh wird mit den gleichen Punkten behandelt, da der Ursprung bei jedem ein anderer ist. Die Zungen- und Pulsdiagnose runden die Erhebung der chinesischen Differentialdiagnose ab. Da es bei der Patientin der erste Kontakt mit Nadeln ist, erkläre die Therapeutin ihr nochmals genau, was sie macht und wie es sich anfühlt. «Es ist ein kleiner Pieks – der tut nicht weh», sagt Patricia Raña und schon sitzt die Nadel. Die Patientin ist überrascht: «Oh, das spürt man ja gar nicht!»



«Keine Angst vor menschlicher Nähe»


Aufmerksam zuhören und das Gegenüber mit seinem Problem ernst nehmen sei essentiell, sagt Patricia Raña. Man muss empathisch sein und darf keine Angst vor menschlicher Nähe haben. «Ich mag mich erinnern, dass eine Mitstudentin damals meinte, dass mindestens eine Nadel zwischen ihr und einem Patienten sein müsse, alles andere sei zu nah. Manuelle Therapie kam also für sie überhaupt nicht in Frage.» Die Baslerin hingegen hat keine Berührungsängste, dafür ein ausgeprägtes «Helfersyndrom», wie sie zu sagen pflegt. Dies sei auch der Grund für ihre Berufswahl gewesen.



Der Morgen ist schnell vorbei und schon steht das erste Kind da. Sein Immunsystem soll gestärkt werden, bevor die Pollensaison losgeht. Bei den Kleinen verwendet Patricia Raña Shonishin, eine nadelfreie Kinderakupunktur. Bei dieser Methode spielen die Eltern eine wichtige Rolle. Sie werden instruiert, damit sie ihre Kleinen zu Hause weiter behandeln und so den Genesungsprozess positiv beeinflussen können. An diesem Tag muss auch Patricia Raña für eine Zungen- und Pulsdiagnose herhalten. Die kleine Patientin testet die Shonishin-Instrumente an ihr aus und verordnet «etwas Entspannung und Ruhe». Die Mutter einer Zweijährigen weiss um die Wichtigkeit spielerischen Zugangs.



«Entspannung und Ruhe»


Der Tag neigt sich dem Ende zu. Im Praxisraum liegt ein Patient mit chronischer Erschöpfung. Da die Anspannung im Nacken sehr gross ist, entscheidet Patricia Raña sich für eine Kombination von Tui Na und Akupunktur. Vor der Behandlung meint er noch: «Ich möchte gerne den Weckdienst, Tee und Porridge zum Frühstück bestellen.» Als die Therapeutin ins Zimmer zurückkehrt, liegt er tatsächlich tiefenentspannt da. Sie entfernt die Nadeln und lässt ihn wissen, dass sie draussen warte. Danach hört sie nichts mehr. Zurück im Zimmer, findet sie ihn tief schlafend auf der Liege. Sie weckt ihn sanft und beide müssen lachen. Nun geht auch Patricia Raña der Empfehlung ihrer kleinen Therapeutin nach und sorgt für etwas Entspannung und Ruhe inmitten ihrer Familie.

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