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Selbstwertgefühl stärken: Wenn das Selbstbild uns im Weg steht

Autorenbild: Dora Borostyan
Dora Borostyan
3. Aug.
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 16. Aug.

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen hinter einem Vorhang. Auf der anderen Seite sitzt ein Zeichner, der Sie noch nie gesehen hat – und Sie auch jetzt nicht sehen kann. Er wartet darauf, dass Sie sich beschreiben, damit er ein Porträt von Ihnen zeichnen kann. Dafür müssen Sie Ihr Gesicht in Worte fassen.

Wie würden Sie sich beschreiben – und womit würden Sie beginnen? Mit Ihren schönen Augen? Ihrem sympathischen Lächeln? Ihren wunderschönen lockigen Haaren? Mit der Wärme und Leidenschaft, die in Ihrem Gesicht sichtbar werden, wenn Sie von etwas erzählen, das Sie begeistert?

Oder würden Sie den Blick zuerst auf Ihre vermeintlichen Makel richten: die zu grosse Nase, die Augenringe, die hängende Wangenpartie, das zu wuchtige Kinn, die Falten im Gesicht oder die unreine Haut?

Genau diese Frage machte Dove 2013 im Kampagnenfilm «Real Beauty Sketches» sichtbar. Das Experiment berührte damals Millionen Menschen und tut es bis heute, weil es eine erstaunliche Erkenntnis sichtbar machte: Das Bild, das wir von uns selbst haben, ist häufig viel kritischer, strenger und unvorteilhafter als das Bild, das andere von uns wahrnehmen – und als der Eindruck, den wir tatsächlich hinterlassen.



Nahaufnahme einer Frau mit ausdrucksstarken Augen, die nachdenklich in die Ferne blickt.
Image by Dora Borostyan



Zwei Porträts – und ein entscheidender Unterschied

Im Dove-Film schilderten sich die Frauen genau so: hinter einem Vorhang, gegenüber dem vom FBI ausgebildeten forensischen Zeichner Gil Zamora. Er war darauf spezialisiert, Gesichter allein anhand mündlicher Beschreibungen zu skizzieren – eine Technik, die unter anderem für Phantombilder eingesetzt wird.


Die Frauen beschrieben die Form ihres Gesichtes und ihres Kinns, ihre Stirn, ihre Augen, ihre Lippen und ihre Haare. Zamora konnte sie währenddessen nicht sehen und zeichnete sie ausschliesslich nach ihren Worten. Danach verliessen die Frauen den Raum.

Anschliessend kam jeweils eine zweite Person herein, die der vorherigen Frau kurz begegnet war. Sie beschrieb dieselbe Frau ein zweites Mal. Wieder zeichnete Zamora, ohne sie zu sehen und ausschliesslich anhand der Erzählung.

Die Erkenntnis war erschütternd: Als die beiden Porträts später nebeneinander aufgehängt wurden, war deutlich zu sehen, wie stark sie sich voneinander unterschieden. Alle Frauen im Experiment hatten sich selbst kritischer, härter und unvorteilhafter beschrieben, als die fremden Personen sie wahrgenommen hatten. Die Porträts aus den Selbstbeschreibungen wirkten müder, strenger und verschlossener. Die Zeichnungen nach den Beschreibungen der fremden Personen zeigten dieselben Frauen hingegen weicher, offener und wohlwollender.

Mit anderen Worten: Die Frauen im Experiment sahen sich nicht so, wie sie auf andere wirkten. Ihr kritischer Blick hatte ihr Selbstbild verzerrt.

Doch was geschieht, wenn wir diesem verzerrten Bild nicht nur vor dem Spiegel begegnen, sondern beginnen, unser Leben danach auszurichten?



Eine Frau steht vor dem Spiegel und betrachtet ihr Spiegelbild.




Wenn der verzerrte Blick das ganze Leben beeinflusst

Das Erschreckende an einem verzerrten Selbstbild ist, dass es nicht im Badezimmer zurückbleibt, sobald wir den Spiegel verlassen. Es begleitet uns nach draussen – in unsere Beziehungen, unsere Gesundheit und unseren Beruf. Es beeinflusst, wie wir auftreten, welche Möglichkeiten wir ergreifen und wie viel Liebe, Erfolg und Lebensfreude wir uns selbst erlauben.

Vielleicht kennen Sie das auch: Sie haben sich verabredet und möchten ausgehen, neue Menschen treffen, sich wieder einmal attraktiv und lebendig fühlen – und sich vielleicht sogar verlieben. Dann betrachten Sie sich im Spiegel, und plötzlich sehen Sie nur noch die paar Kilos zu viel, die schlaffe Haut oder das Kleid, das angeblich nicht richtig sitzt. Sie sagen die Verabredung ab und versprechen sich: «Wenn ich abgenommen habe und wieder fit bin, gehe ich wieder aus.»

Doch während Sie auf diese vermeintlich bessere Version Ihrer selbst warten, findet das Leben ohne Sie statt. Sie verpassen Begegnungen, Leichtigkeit und die Möglichkeit, einen Menschen kennenzulernen, der Sie genauso interessant und attraktiv finden könnte, wie Sie heute sind. Der Rückzug verstärkt die Einsamkeit, die Enttäuschung nährt den Selbstzweifel – und der verzerrte Blick scheint am Ende recht zu behalten.

Auch im Beruf kann dieser Blick Entscheidungen treffen. Sie sitzen in einer Besprechung und wissen genau, was Sie beitragen könnten. Trotzdem schweigen Sie, weil eine andere Person souveräner oder selbstsicherer auf Sie wirkt. Wenig später spricht sie genau den Gedanken aus, den Sie zurückgehalten haben – und erhält dafür die Anerkennung. Nicht Ihre Kompetenz hat gefehlt. Der Zweifel hat verhindert, dass Ihre Stimme gehört wurde.

Oder Sie hadern mit dem Älterwerden, wie Millionen Frauen auf der ganzen Welt. Plötzlich bemerken Sie die hängende Wangenpartie, die Augenringe oder die dünner werdende, fahle und trockene Haut. Sie betrachten ein altes Foto und vergleichen die Frau von heute mit der Frau, die Sie mit zwanzig oder dreissig waren. Vielleicht schleicht sich der Gedanke ein: «Wer will mich noch mit fünfzig?»

Solche Situationen und Gedanken kennen die meisten Frauen. Wenn Sie sich darin wiedererkennen, sind Sie damit also nicht allein.

Der verzerrte Blick kann jedoch noch viel mehr Schaden anrichten. Seine eigentliche Macht liegt darin, uns falsche Gedanken einzupflanzen, die sich mit der Zeit in unserem Bewusstsein festsetzen. Und das ist verheerend. Denn wie Sie wissen: Was wir glauben, beeinflusst unsere Entscheidungen. Aus Entscheidungen entstehen Handlungen, aus wiederholten Handlungen werden Gewohnheiten – und aus diesen Gewohnheiten kann ein Leben entstehen, das viel kleiner, einsamer und freudloser ist, als es sein müsste.

Die gute Nachricht ist: Dieser kritische Blick ist kein unveränderliches Schicksal. Er lässt sich verändern. Auch Gedanken und Selbstbilder, die sich über Jahre eingeprägt haben, lassen sich korrigieren.

Den entscheidenden Hinweis liefert bereits das Dove-Experiment: Die Frauen konnten ihren eigenen Blick erweitern, indem sie erfuhren, was andere Menschen in ihnen sahen. Ein wirkungsvoller Weg zu einem vollständigeren Selbstbild sind deshalb Rückmeldungen von aussen.


zwei Frauen reden über Selbstwert, und Selbstwertgefühl miteinander




Selbstwertgefühl stärken heisst, den eigenen Blick zu prüfen

Der erste Schritt besteht nicht darin, sich vor dem Spiegel einzureden, dass alles an Ihnen schön ist. Ein Satz, an den Sie nicht glauben, wird Ihren Blick kaum verändern. Wenn Sie Ihr Selbstwertgefühl stärken möchten, beginnen Sie stattdessen damit, Ihre Wirkung zu überprüfen und sich eine entscheidende Frage zu stellen: Ist das Bild, das ich von mir habe, wirklich richtig?

Diese Frage können Sie nicht allein beantworten. Denn was Sie im Spiegel sehen, betrachten Sie immer durch Ihren eigenen, vertrauten Blick. Wenn dieser Blick seit Jahren auf dieselben vermeintlichen Makel gerichtet ist, wird er wahrscheinlich auch morgen wieder genau dort hinschauen.

Ihre Wirkung entsteht nicht allein vor dem Spiegel. Sie entsteht in der Begegnung mit anderen Menschen: wenn Sie einen Raum betreten, jemanden begrüssen, zuhören, sprechen, lachen oder von etwas erzählen, das Sie begeistert. Erst ein Gegenüber kann Ihnen beschreiben, was in diesem Moment bei ihm ankommt.

Eine KI kann ein Bild auswerten. Ein Buch oder E-Book kann Ihnen Wissen vermitteln und die richtigen Fragen stellen. Ein Foto kann einen einzelnen Augenblick festhalten. Doch all das erlebt nicht, wie Ihre Stimme klingt, wie Sie sich bewegen, welche Energie Sie ausstrahlen und welchen Eindruck Ihre Anwesenheit hinterlässt.

Um Ihre Wirkung wirklich zu überprüfen, brauchen Sie deshalb Menschen – und reale Begegnungen.



Eine Frau strahlt in der Mitte als drei andere Frauen ihr Komplimente geben.




Warum andere Perspektiven so wichtig und wertvoll sind

Beginnen können Sie in Ihrem eigenen Umfeld. Bitten Sie mehrere Menschen aus unterschiedlichen Bereichen Ihres Lebens um eine ehrliche und konkrete Rückmeldung. Fragen Sie nicht einfach: «Findest du mich schön?» Stellen Sie stattdessen gezielte Fragen wie:


  • «Was fällt dir an meiner Ausstrahlung zuerst auf?»

  • «Wie wirke ich, wenn ich einen Raum betrete?»

  • «Was ist das Besondere an mir, das dir in Erinnerung bleibt?»

  • «Was nehme ich an mir selbst deiner Meinung nach zu wenig wahr?»


Hören Sie den Antworten zu, ohne sie sofort abzuschwächen oder zurückzuweisen. Schreiben Sie die Rückmeldungen auf. Wenn verschiedene Menschen unabhängig voneinander ähnliche Eigenschaften nennen, erhalten Sie Hinweise auf eine Wirkung, die in Ihrem bisherigen Selbstbild möglicherweise fehlt.


Vertraute Menschen haben einen entscheidenden Vorteil: Sie sind erreichbar. Sie können eine Freundin anrufen, Ihren Partner fragen oder bei einem gemeinsamen Familienessen ein ehrliches Gespräch beginnen. Gleichzeitig kennen diese Menschen Ihre Geschichte. Sie erinnern sich an frühere Versionen von Ihnen, möchten Sie vielleicht schützen und begegnen Ihnen innerhalb längst gewachsener Rollen. Ihr Blick kann ehrlich und liebevoll sein – vollkommen unvoreingenommen ist er selten.


Einen frischeren ersten Eindruck erhalten Sie von Menschen, die Ihnen noch nie begegnet sind. Auch dieser Weg ist möglich. Sie können auf einer Veranstaltung, einer Party oder während eines Gesprächs in der Stadt eine fremde Person fragen, wie Sie auf sie wirken. Ein solches Feedback kann besonders aufschlussreich sein, weil dieser Mensch weder Ihre Vergangenheit noch Ihre Unsicherheiten kennt – ähnlich wie die fremden Personen bei Doves «Real Beauty Sketches».


Dieser Weg verlangt allerdings Mut und den richtigen Moment. Nicht jede Frau möchte fremde Menschen um eine persönliche Rückmeldung bitten, nicht jede Situation eignet sich dafür, und eine einzelne Antwort bleibt immer nur eine Perspektive. Ein klareres Bild entsteht, wenn mehrere Frauen unabhängig voneinander beschreiben, was sie wahrnehmen.


Deshalb habe ich für all jene Frauen, die ehrliches Feedback von fremden Menschen erhalten möchten, ohne selbst auf die Suche gehen zu müssen, den Visual Impact Day entwickelt: einen geschützten und wertschätzenden Rahmen, in dem Frauen ohne gemeinsame Vergangenheit aufeinandertreffen und sich ehrlich spiegeln.


Dabei entstehen an einem einzigen Tag oft erstaunliche Erkenntnisse. Manche Frauen nehmen sich am Abend anders wahr, als sie am Morgen angekommen sind – nicht, weil ihnen jemand etwas eingeredet hätte, sondern weil sie endlich erkennen, was andere längst in ihnen sehen.


Wenn Sie diesen Perspektivenwechsel selbst erleben möchten, lade ich Sie zum Visual Impact Day in Basel ein.






Dora Borostyan ist Gründerin und Chefredaktorin von BaslerIN sowie Expertin für visuelle Transformation und Wirkung. Seit mehr als 25 Jahren arbeitet sie in den Bereichen Beauty, Mode, Medien, Design und visuelle Kommunikation. Mit ihrer Visual Impact Method™ zeigt sie Frauen den Weg von ihrer aktuellen Wirkung zu ihrem gewünschten Erscheinungsbild – für mehr Selbstbewusstsein, Ausstrahlung und Präsenz.

In ihrem Workshop Visual Impact Day in Basel beschäftigen sich Frauen mit der Frage, wie ihr oft überkritischer Blick auf sich selbst das eigene Selbstbild prägt und wie sehr dieses von der Wahrnehmung anderer abweichen kann.

 
 
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