• BASLERIN

IM GESPRÄCH MIT ELENA FILIPOVIC

Die Direktorin der Kunsthalle Basel über Gleichberechtigung in der Kunstszene, ihre unermüdliche Suche nach neuen Talenten und über die grosse Ehre, eines der weltweit wichtigsten Häuser im Bereich der zeitgenössischen Kunst zu leiten.


Elena Filipovic, Direktorin und Kuratorin der Kunsthalle Basel.


Von Ulrike Zophoniasson

Sie sind Amerikanerin, Ihre Mutter stammt aus Ecuador, Ihr Vater aus Ex-Jugoslawien. Seit 1998 arbeiten und leben Sie in Europa, in Paris, Venedig, Berlin, Brüssel und die letzten sieben Jahre als Direktorin/Kuratorin der Kunsthalle in Basel. Wo sind Sie zu Hause? Fühlen Sie sich eher als Amerikanerin oder als Europäerin? Das klingt tatsächlich ein bisschen nach globaler Nomadin! Eigentlich war mein Leben immer vom Grundsatz bestimmt, dorthin zu gehen, wo die interessanteste Arbeit ist. Und glücklicherweise hat mich das zu sehr unterschiedlichen und aufregenden Orten geführt. Dank dieser Maxime bin ich dann ja auch in Basel gelandet: auf der Suche nach dem Traumjob. Ich frage mich, wie vielen Baslerinnen und Baslern bewusst ist, dass sie im Herzen ihrer Stadt eines der weltweit wichtigsten und beeindruckendsten Häuser im Bereich der zeitgenössischen Kunst beherbergen – eine Institution, die ein Mädchen aus dem fernen Los Angeles davon träumen liess, sie eines Tages zu leiten. Sicher bin ich von Südkalifornien, wo ich aufgewachsen bin, geprägt. Aber wegen meiner Eltern, die nichts «amerikanisches» an sich hatten, fühlte ich mich auch immer ein wenig als Aussenseiterin. Mittlerweile habe ich mehr Jahre ausserhalb als innerhalb der USA verbracht, so dass ich inzwischen auch stark von Europa geprägt bin. Wenn ich in Europa bin, fühle ich mich «amerikanisch» und wenn ich in den USA bin «europäisch». Was durchaus bedeuten kann, dass ich mich manchmal nirgendwo zugehörig fühle. Ich habe mich bemüht, dieses Gefühl bei der Programmgestaltung der Kunsthalle Basel produktiv zu nutzen. Ich stelle ganz bewusst Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt vor, weil ihre Erfahrungen und Visionen uns helfen, besser zu verstehen, wer wir sind, wo wir stehen, was wir teilen, wie wir Unterschiede überwinden und miteinander sprechen können. Das ist in der heutigen Zeit immens wichtig.

Sie sind nicht nur die erste Amerikanerin, sondern überhaupt die erste weibliche Direktorin dieser fast 150 Jahre alten Institution. Haben Sie den Eindruck, dass es in der heutigen Avantgarde mehr Künstlerinnen gibt als früher oder hat das auch mit der Vermittlung zu tun? Ja, ich bin die erste Amerikanerin, die erste Nicht-Europäerin und die erste Frau, die die Kunsthalle Basel leitet. Und bei jeder Art von «erster» besteht eine besondere Ver- antwortung, die ich sehr ernst nehme. Ich muss immer wieder jeden Aspekt sorgfältig abwägen, um dem engagierten Team und dem Erbe, das mir anvertraut wurde, gerecht zu werden. Ich versuche, nichts für selbstverständlich zu nehmen, aber es ist auch nichts in Stein gemeisselt. Wie lautet das Sprichwort: Der Fisch stinkt vom Kopf her? Ich möchte diesen Spruch umdrehen und zeigen, dass ein Fisch auch von der Spitze aus verändert werden kann, dass er in neue Richtungen getrieben wird, dass er gedeiht und sich neu erfinden kann – aber nur dann, wenn der «Kopf» lernt, auf alle anderen Teile des Körpers zu hören. Dies manifestiert sich in der Vielfalt eines Programms, in dem besonders auch weibliche Kunstschaffende und PoC (People of Color) oder solche, die mit weniger konventionellen Medien wie der Performance arbeiten (um nur einige Beispiele zu nennen), gefeiert und in den Mittelpunkt gestellt werden. Natürlich gab es im Verlauf der Geschichte im- mer wieder auch fantastisch begabte Künstlerinnen, aber wie wir wissen, erhielten sie nur selten die gleichen Chancen, die gleiche Aufmerksamkeit, Förderung und Unterstüt- zung wie ihre männlichen Zeitgenossen. Einige vergessene Künstlerinnen werden wieder entdeckt oder gehen erst heute in die Kunstgeschichte ein. Die Bedingungen waren lange nicht gegeben, Künstlerinnen ebenso zu fördern und zu stützen wie ihre männlichen Kollegen. Das lag einzig und allein am System. In der Kunsthalle Basel schreiben wir gewissermassen die Kunstgeschichte von morgen mit. In diesem Sinne ist es absolut wichtig, dass wir dies gleichberechtigt und sorgfältig tun, so dass sie vom Publikum gesehen und unterstützt werden will, selbst wenn vieles ungewohnt erscheint. Die Konfrontation mit Neuem und die Verunsicherung durch das Neue ist essenziell. Ich darf Sie daran erinnern, welche Stürme der Entrüstung das Werk von Paul Gauguin entfachte, als es zum ersten Mal in der Kunsthalle Basel gezeigt wurde.

Nach welchen Kriterien suchen Sie die Künstlerinnen und Künstler, die in der Kunst- halle ausstellen dürfen, aus? Wo und wie werden Sie inspiriert? Kunstschaffende finde ich auf viele Arten: bei Atelierbesuchen, bei der Lektüre von Kunstzeitschriften, durch den Besuch von Biennalen, auf Galerienbesichtigungen, Kunstmessen und, was ich am liebsten mag, durch Mundpropaganda. Ich erzähle gern, dass die Suche nach einem grossartigen Kunstschaffenden wie die Suche nach der Liebe ist: Man kennt die Orte, wo man suchen muss, aber meistens ist es dann doch eine Mischung aus Zufall und Bauchgefühl, Beharrlichkeit und Aufgeschlossenheit. Ich lade selten spontan eine Künstlerin oder einen Künstler ein, eine Ausstellung zu machen. Ich vertraue stark meiner Intuition, aber zugleich auch auf die Zeit: Man weiss erst dann, dass man eine gute Wahl getroffen hat, wenn einen das Werk einer Künstlerin oder eines Künstlers lange verfolgt, wenn es einen weiter beschäftigt und wenn es mehr Fragen aufwirft, als es Antworten gibt. So stiess ich beispielsweise auf die Arbeit von Matthew Angelo Harrison, einen jungen Künstler aus Detroit, dessen Werke wir zur Zeit im Oberlichtsaal der Kunsthalle Basel ausstellen. Als ich Bilder von seiner ersten Ausstellung sah, war ich sofort fasziniert von der Art und Weise, wie er sich nicht scheut, Dinge zu schaffen, die schmerzhaft schön, aber auch kritisch und aufgeladen sind. Vor etwa drei Jahren kamen wir ins Gespräch, als er gerade die Geschichte des Kolonialismus künst- lerisch aufarbeitete und sie mit den prekären Arbeitsbedingungen von PoC in der Gegenwart in Verbindung brachte. Dies halte ich für ein wichtiges Thema unse- rer Zeit. Parallel dazu läuft eine Gruppenausstellung mit dem Titel «INFORMATION (Today)», die untersucht, wie unterschiedlich und innovativ Kunstschaffende die datengesteuerte Gegenwart, in der wir leben, reflektieren. Auch das ist ein faszinieren- des und drängendes Thema unserer Zeit. Die Vertreterinnen und Vertreter kommen aus China und Jordanien, den USA und Kroatien, Neuseeland und Mexiko, und die meisten von ihnen sind Kunstschaffende, deren Arbeit ich schon seit Jahren verfolge. Wenn ich so darüber nachdenke, bin ich vielleicht einfach eine gute Stalkerin! (lacht)

Wenn man aus Los Angeles kommt, ist Basel eine winzige Stadt. Kann die Art Basel da etwas kompensieren? Der Art Basel ist es gelungen, zusammen mit der «Liste Art Fair Basel», Galerien und der Messe für Kunstbücher «I Never Read» eine wunderbar energiegeladene Woche auf die Beine zu stellen, in der Menschen aus der ganzen Welt einen Blick auf unsere Arbeit werfen. Aber viele von ihnen realisieren nicht, dass die Art Basel vor allem deshalb entstehen und wachsen konnte, weil es in dieser Stadt bereits eine schlichtweg atemberaubende Anzahl und Qualität von Museen gibt. Dafür braucht es zwei entscheidende Zutaten: eine Gesellschaft, die sich der Bedeutung von Kulturinstitutionen bewusst ist, und den politischen Willen, deren Existenz zu unterstützen. Damit wurde in Basel in der Vergangenheit Aussergewöhnliches erreicht. Und das ist auch heute noch so: Die Stadt bietet das ganze Jahr hindurch ein extrem hochstehendes Angebot im Bereich der bildenden Künste. Neu wurde von Herzog & de Meuron das Stadtcasino umgestaltet, neu ist ebenfalls der dynamische Direktor Benedikt von Peter am Stadttheater – dies alles trägt dazu bei, dass diese Stadt extrem kosmopolitisch ist. Und all dies bewahrt mich davor, Los Angeles zu sehr zu vermissen.

Konnten Sie in diesen sieben Jahren einen Bezug zu Basel und der Region aufbauen? Bald werde ich länger in Basel gelebt haben als in jeder anderen europäischen Stadt. Diese schöne kleine Stadt im Schnittpunkt dreier Länder ist ein idealer Ort für mein Zuhause. Und die Stadt war von Anfang an überraschend einladend. Ich werde nie vergessen, wie ich zum ersten Mal zum Amt ging, um meine Aufenthaltsgenehmigung abzuholen, vielleicht eine Woche nach meiner Ankunft: Ich bekam meine Karte ausgehändigt und die Frau hinter dem Schalter sagte: «Ich bin ein langjähriges Mitglied des Basler Kunstvereins und bin sehr gespannt, was Sie als neue Direktorin machen werden.» Ich war überrascht und erfreut über einen solchen lokalen Stolz, dem Verein anzugehören, und habe gelernt, dass Mitglieder dort sind, wo ich sie am wenigsten erwartet hätte. Dieses Verständnis hat mich bei vielen meiner Bemühungen in der Kunsthalle Basel geleitet: nämlich sie zu einem Ort zu machen, an dem sich alle eingeladen fühlen. Ich sage meinem Team, dass wir nicht vergessen dürfen, dass das Auge und der Verstand wie Muskeln sind, und unsere Aufgabe ist es, das Verständnis dafür zu fördern, dass die Kunsthalle Basel im weitesten Sinne ein «Fitnessstudio» ist. Jede und jeder kann ein gutes Fitnessstudio in seinem Leben gebrauchen, oder?


In der Welt zu Hause, in Basel daheim: Elena Filipovic

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