• BASLERIN

HINTER DEN KULISSEN VOM BOXCLUB BASEL

Mit Gabi «Balboa» Timar, der ersten Basler Profiboxerin der Geschichte.


Gabi Timar ist 33 Jahre alt und gelernte Juristin. Ihren Boxnamen «Balboa» erhielt sie von ihrem Trainer und Besitzer des Boxclubs Basel, Angelo Gallina. Er sagte, sie habe genauso hart für ihre Boxkarriere gekämpft wie Rocky, und irgendwie hat er recht. Gabi Timar hat vor vier Jahren mit dem Boxen angefangen und ist nun die erste Basler Profiboxerin der Ge- schichte. Ein persönlicher Bericht über die Vorbereitungsphase für den nächsten Wettkampf.




12 WOCHEN VOR DEM KAMPF

Die härtesten Wochen beginnen. Es ist 17.45 Uhr an einem gewöhnlichen Montag. Ich unterrichte wie gewohnt die «Women-Only-Klasse» beim Boxclub Basel. An die fünfzig Frauen absolvieren hier gemeinsam die Fitnessboxstunde. Nach dem Un- terricht heisst es Boxhandschuhe anziehen und ab in die Kampfvorbereitung, das heisst, harte Runden im Wettkampfteam, das mehrheitlich aus Männern besteht. Schläge um Schläge, eine Übung folgt der anderen, Schweiss fliesst, mein Körper leidet. Um 20.30 Uhr ist Schluss. Kurz etwas zu essen vorbereiten und ab ins Bett. Nächster Tag geht’s weiter, Krafttraining, Laufarbeit, Schwimmen. Trainingsstunde um Trainingsstunde folgen ohne Ende. Schlagarbeit mit meinem Coach, dynamische Kraftparcours, Arbeit am Boxsack sowie mentale Trainingseinheiten wechseln sich ab. Kein Ende in Sicht. Mein Körper schreit, die Schmerzen begleiten mich von morgens bis abends. Das ganze Jahr hindurch muss ich im Training sein, um dann die Wettkampf-Endvorbereitung anzugehen. Der Kampf dauert sechsmal zwei Minuten, die Vorbereitung unendlich lang. Zeit für Freundinnen oder anderen Aktivitäten bleibt fast keine übrig. Sonntag ist mein einziger Ruhetag. Diesen brauche ich, um auszuschlafen, meine Familie zu besuchen und Liegengebliebenes zu erledigen. Woche für Woche vergehen, das Programm wird im- mer intensiver. Hinzu kommen jetzt noch die Spar- rings, die Wettkampfkämpfe mit anderen Partnerinnen, das Herumreisen zu anderen Profiboxerinnen. Die Vorbereitung verlangt mir alles ab und ist für mich härter als der Kampf selber. Bezahlt werden Boxerin- nen nicht, auch hier sind Frauen noch lange nicht auf Gleichberechtigungskurs mit ihren männlichen Kollegen. Ich boxe im Fliegengewicht und muss leichter sein als 50.802 Kilogramm, was 112 Pfund entspricht, so ist es mit der Gegnerin vertraglich vereinbart. Wer zu viel auf die Waage bringt, muss eine Busse von einem Franken pro Gramm zahlen.



DIE LETZTEN 24 STUNDEN VOR DEM KAMPF

In der letzten Woche gibt’s täglich nur noch kurze Trainings. Der letzte Tag naht, die Spannung steigt ins Unermessliche. Um 20 Uhr dann die Erlösung: Sie ist da. Nach der obligaten Arztkontrolle, bei der wir auf unsere Kampftauglichkeit geprüft werden, heisst es ab auf die Waage. Im Anschluss folgt das obligate Gegenüberstehen. Ein kleines Psychospielchen folgt. Wer zeigt als Erste eine Angstreaktion, wer hat weniger Nerven, kommt es zur Eskalation? Nach dieser Zeremonie gehe ich mit meinem Team Essen. Ein guter Augenblick und auch der letzte entspannte Moment vor dem Kampf. Fein Essen ist immer eine gute Ablenkung. Nach dem Essen folgt ein kleiner Besuch am Wettkampfort. Er ist dunkel und leer. Der Boxring steht, die Veranstaltung ist ausverkauft. Ich freue mich. Jetzt heisst es, das Telefon bis nach dem Kampf ausstecken und ab ins Bett.



DER TAG DER ENTSCHEIDUNG Praktisch den ganzen Tag verbringe ich alleine. Das ist gut so. Ich habe meine Ruhe und meine eigenen Rituale. Den Tag beginne ich mit einem ergiebigen Frühstück. Um 10 Uhr folgt der Coiffeur-Termin. Meine langen Haare werden zu kurzen Zöpfe verarbei- tet, damit ich ungehindert boxen kann. Den ganzen Tag über läuft Musik. Am liebsten höre ich Hiphop, alle Interpreten quer durch. Nach einem kleinen Mittagessen muss ich letzte Vorbereitungen treffen und das Material – Zahnschutz, Schuhbändel, Badtücher – kontrollieren und einpacken. Die Zeit vergeht wie im Flug.

Gabi «Balboa» Timar unmittelbar vor ihrem Kampf beim Bandagieren der Hände mit ihrem Coach Angelo Gallina.



EINE STUNDE VOR DEM KAMPF Jetzt geht’s los mit dem Adrenalin, das Bewusstsein, in den Ring zu steigen, holt mich ein. Die letz- ten Handlungen folgen. Die Wettkampfhandschuhe werden in die Garderoben gebracht. Es folgt das Bandagieren der Hände, um diese vor Verletzungen zu schützen. Vor dem Kampf läuft noch «Sweet Caroline» von Neil Diamond. Das ist der letzte Moment, in dem wir noch gemeinsam singen und umherschaukeln, dann heisst es anstehen. Meine Einlaufsmusik erklingt: «Eye of the Tiger», ein waschechter Rocky Balboa Song. Heute Abend nur für mich, Gabi «Balboa» Timar.

Gabi «Balboa» Timar gewinnt ihren dritten Profikampf vorzeitig durch K. o. und bleibt ungeschlagen.


Weitere Infos über die Geschichte des Boxclub Basel lesen Sie hier.

© 2019 by BaslerIN