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Christophe Blain Basel: Verlorene Paradiese im Cartoonmuseum

  • Autorenbild: BaslerIN
    BaslerIN
  • vor 13 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Stunden

Der Druck ist allgegenwärtig: Man jagt makellosen Selfies und Idealfiguren hinterher, angetrieben von der Suche nach dem nächsten Like. Doch diesen Winter liefert das Cartoonmuseum Basel eine abenteuerliche Auszeit: Die Ausstellung von Christophe Blain und das dritte Nationale Symposium zur 9. Kunst – ein intellektueller Deep Dive – zeigen, warum wahre Eleganz in der Selbstironie liegt und wie Comics die Filterblase platzen lassen.


Christophe Blain Ausstellung Cartoonmuseum Basel Paradis perdus
Christophe Blain «Aline» 2018


Die neunte Kunst als kulturelles Statement

Die ewige Jagd nach dem perfekten Leben fühlt sich oft wie der Lauf nach einem verlorenen Preis an. Die moderne Gesellschaft wird von Idealbildern überflutet, die den eigenen Wert bestimmen sollen. Für alle, die genug haben von diesem Druck, bietet das Cartoonmuseum in Basel diesen Winter einen stilvollen Ausweg.


Das Cartoonmuseum Basel ist weit mehr als nur ein Archiv für humoristische Zeichnungen. Es ist das einzige Schweizer Zentrum für narrative Kunst, das sich der Zeichnung in ihrer gesamten Bandbreite widmet – von der Karikatur bis zur anspruchsvollen Graphic Novel. Die Sammlung umfasst über 12'000 Originale und jährlich gibt es drei Wechselausstellungen zu sehen.


In einer Zeit, in der visuelle Medien wie Instagram und TikTok die öffentliche Wahrnehmung von Schönheit und Erfolg dominieren, nimmt das Museum eine besonders wichtige Rolle ein. Hier geht es nicht um die Reproduktion von Hochglanzbildern, sondern um die künstlerische Erforschung der Realität durch gezeichnete Erzählungen. Comics und Cartoons – traditionell das Medium der sozialen Kritik und des Tabubruchs – bieten Raum für die komplexe Auseinandersetzung mit Identität, Politik und gesellschaftlichem Druck. Indem das Museum internationale Stars wie Christophe Blain präsentiert und gleichzeitig das Nationale Symposium beherbergt, positioniert es sich als progressive Denkfabrik. Es beweist: Vielseitige kulturelle Bildung ist das wirksamste Gegenmittel gegen oberflächliche Optimierung.




Der ultimative Style-Check: Christophe Blain seziert unsere Sehnsüchte

Ab dem 8. November 2025 geht es in der Retrospektive «Christophe Blain. Paradis perdus» (bis 15. März 2026) um die eine Frage: Was wollen wir eigentlich, wenn wir uns optimieren? Christophe Blain, ein Star der französischen Comicszene, ist ein Meister darin, unsere Sehnsüchte auf Papier zu bannen. Er zeigt «starke Cowgirls» und «sinnliche Filmstars» – Ikonen, deren Power und makellose Optik wir uns wünschen. Diese Figuren sind die kulturellen Vorlagen unserer Diätpläne und Beauty-Routines.


Doch Blain wäre kein brillanter Künstler, wenn er uns nur Schönes zeigen würde. Er enthüllt die Dark Side des Perfektionismus: Mit bissiger Satire karikiert er Figuren wie «Politiker mit übergrossem Ego». Das ist der Moment, in dem Selbstoptimierung kippt und zu leerem Geltungsdrang wird. Blain zeigt, dass die Jagd nach dem optimierten Selbst oft nur der Versuch ist, ein aufgeblasenes Ego zu kaschieren.


Sein Titel «Paradis perdus» (Verlorene Paradiese) ist ein Schlüsselmoment: Er legt nahe, dass der perfekte Zustand, den wir in Endlosschleifen anstreben, gar nicht existiert. Blains Kunst ist eine visuelle Befreiung – sie lädt ein, die Fassade zu durchbrechen und die wahre Motivation hinter dem Perfektionsdrang zu hinterfragen.


Wer sich für Kunst im öffentlichen Raum interessiert, findet in Basel inspirierende Projekte wie die Kunstmeile in der Rümelins-Passage, die rund um die Uhr zugänglich ist.




Christophe Blain: Der Chronist der Widersprüche

Blain (*1970) ist nicht nur ein Künstler, er ist ein kultureller Tausendsassa, dessen überragende Zeichenkunst alle Genres durchdringt. Die reichhaltige Retrospektive in Basel bietet die einmalige Gelegenheit, seine gesamte künstlerische Evolution zu erleben – von den ersten Skizzenbüchern bis hin zu Malereien in unterschiedlichen Techniken.


Seine Karriere startete mit prägenden Serien wie «Isaac le pirate» und «Gus», in denen bereits seine typischen figürlichen und perspektivischen Überhöhungen sichtbar wurden. Diese verleihen seinen Panels eine mitreissende Vitalität und Dynamik, die seine Erzählungen direkt und unmittelbar machen. Für «Isaac le pirate» wurde er bereits 2002 mit dem renommierten Preis für den besten grafischen Roman beim Comic-Festival von Angoulême ausgezeichnet – ein Preis, den er für seinen Bestseller «Quai d'Orsay» erneut erhielt.


Gerade «Quai d'Orsay» demonstriert seine Fähigkeit zur Gesellschaftsanalyse. In dieser bissigen Politsatire verarbeitete er die Memoiren eines Beraters von Dominique de Villepin, indem er die turbulenten Vorgänge im französischen Aussenministerium in Comic-Form goss. Die anschliessende Verfilmung durch Bertrand Tavernier zeigt, dass Blain ein Künstler ist, der kulturelle Strömungen setzt.

Seine Vielseitigkeit reicht von der Hommage an Western-Klassiker wie «Lieutnant Blueberry» bis hin zu hochaktuellen Sachcomics. Sein 2021 erschienenes Werk «Le monde sans fin» (Die Welt ohne Ende) etwa, ein Sachcomic über Energie und Klima, zeigt, dass Blain komplexe globale Themen auf zugängliche und doch anspruchsvolle Weise behandeln kann. Diese Mischung aus historischer Tiefe, satirischer Schärfe und thematischer Bandbreite macht ihn zum idealen Chronisten der Widersprüche, in denen sich die moderne, selbstoptimierende Gesellschaft bewegt.



Buch von Christophe Blain und Jean-Marc Jancovici «World Without End» 2021
Buch von Christophe Blain und Jean-Marc Jancovici «World Without End» 2021


Fakten-Check: Konsumkritik und die Krise des Selbstwerts

Nur wenige Wochen nach der Eröffnung bietet das Nationale Symposium zur 9. Kunst am 28. November 2025 den perfekten Mind-Shift. Im Zentrum steht der «Mind Factor» hinter der Perfektionsjagd – mit Fokus auf Konsumkritik und künstlerische Resilienz. Die Dringlichkeit ist real: Aktuelle Studien belegen, dass der ständige «Aufwärts-Vergleich» in den sozialen Medien messbar krank macht und dass die Optimierungsindustrie das Gefühl permanenter Unvollständigkeit zementiert.


Das Symposium weitet diesen kritischen Blick auf die Kunstschaffenden selbst aus: Es fragt, wie Illustratorinnen und Illustratoren mit der visuellen Meinungsäusserungsfreiheit umgehen – und wie die Angst vor Provokation oder falscher Lesart zur Selbstzensur führen kann. Diese Debatte ist direkt übertragbar auf jede Leserin und jeden Leser, die im Alltag zwischen dem Wunsch nach authentischer Selbstdarstellung und der Angst vor Kritik oder Shaming im Netz navigiert. Diskutiert wird, welche neuen Erzählformen die Kunst benötigt, um die grossen gesellschaftlichen Veränderungen zu erfassen und zu verstehen.


Das Fazit: Wahre Stärke liegt in der Selbsterkenntnis und in der Fähigkeit, die eigene Erzählung ohne Angst vor Zensur zu leben. Das Cartoonmuseum Basel liefert diesen Winter die ultimative Fusion von Stil und Schärfe. Die Verbindung von Blains Kunst und der intellektuellen Tiefe des Symposiums macht deutlich: Wahre Meisterschaft liegt in der Selbsterkenntnis – der eleganteste Self-Care-Move überhaupt.




Christophe Blain Basel: Alle Infos auf einen Blick

Christophe Blain. Paradis perdus Ausstellungsdauer: 8. November 2025 – 15. März 2026


Das dritte Nationale Symposium zur 9. Kunst Freitag, 28. November 2025, 9–17 Uhr Ort: Kunstmuseum Basel, Vortragssaal Hauptbau

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