• BASLERIN

IM GESPRÄCH MIT AMANDA BENNETT

Ein Leben für den Bühnentanz


Dieses Jahr feiert die Ballettschule Theater Basel, eine der führenden Ballettschulen in Europa, ihr 20-Jahr-Jubiläum. Wir sprachen mit der Wahlbaslerin und Direktorin Amanda Bennett über magische Momente, Kreativität vor und hinter den Kulissen und ihre Wünsche für die Zukunft.



Ulrike Zophoniasson

Warum sind Sie nach Ihrer Ausbildung in New York ins eher beschauliche Genf gekommen? Ich besuchte die School of American Ballet SAB – die offizielle Schule des New York City Ballet. Zu dieser Zeit war George Balanchine, der Direktor des New York City Ballet, auch künstlerischer Leiter der Kompanie in Genf und es war üblich, Absolventinnen und Absolventen der SAB nach Genf zu schicken. Und so trat ich am Ende meines Abschlussjahres zusammen mit zwei anderen Mädchen meine erste Stelle in Genf an. Wir tanzten das Balanchine-Repertoire und der Meister kam oft und gern nach Genf, um mit uns zu arbeiten, denn er mochte die Schweiz.

Und Sie? Wie haben Sie die Zeit in Genf empfunden? Eine fremde Sprache, eine neue Kultur, mein erster Job, Europa, eine Tournee mit einer Kompanie wenige Tage nach der Ankunft – es war magisch! Andere Aspekte waren weniger magisch. Für mich fühlte sich Genf extrem konservativ an. Aber mein Traum, in einer professionellen Kompanie zu sein, war wahr geworden und nur das zählte!

Danach gingen Sie als «Erste Solistin» zum Ballett des Theaters Basel? Nein, das hat sich entwickelt. In meinem zweiten Jahr in Genf wurde Balanchine künst- lerischer Leiter der Kompanie in Zürich. Mit ihm gingen viele Mitglieder des Ensembles und die Direktorin Patricia Neary. Sie wollte unbedingt, dass ich mitkomme. Aber als Juniormitglied der Kompanie war für mich kein Vertrag vorgesehen und so schaltete sie Heinz Spoerli in Basel ein. Abgemacht war, dass ich ein Jahr in Basel bleiben und danach nach Zürich gehen würde, wenn dort wieder neue Verträge abgeschlossen würden. Doch am Ende der Saison hatte ich das Gefühl, dass ich in Basel ein Zuhause gefunden hatte – also blieb ich in Basel.

Aus dem geplanten Jahr in Basel wurden elf. Was hat Sie so lange gehalten? Ich gehörte zu einer Kerngruppe von Tänzerinnen und Tänzern, mit denen Heinz Spoerli immer gerne gearbeitet hat und seine kreative Art, neue Werke gemeinsam im Studio zu erarbeiten, kam mir sehr entgegen. Das Ballett am Theater Basel galt damals als eine der führenden Kompanien in Europa und wir arbeiteten mit Künstlern von höchs- tem Niveau, nicht nur erstklassigen Tänzerinnen und Tänzern, sondern auch Choreo- graphen, Musikern, Dirigenten, Komponisten, Kostüm- und Bühnenbildnern. Wir hatten Armin Jordan als Dirigenten und Hans van Manen als mehr oder weniger ständig anwesenden Gast. Der Austausch mit diesen Künstlern war inspirierend. Es war eine phänomenale Zeit, ein echter Ballett-Boom! Und die Kompanie war viel auf Tournee, was mir die Möglichkeit bot, die Welt zu sehen und verschiedene Kulturen kennenzulernen. Wir traten in ganz Europa auf, aber auch in New York, Chicago, in China, Israel, Japan etc. Ein unvergessliches Erlebnis war un- sere Tournee nach China. Es war die Zeit, bevor sich das Land für Touristen öffnete und wir wurden auf Schritt und Tritt begleitet. Wir kamen am chinesischen Neujahrsfest in Peking an – ich besuchte die Verbotene Stadt und es waren wahrscheinlich nur etwa 20 Leute im ganzen Ort. Es war minus 20 Grad draussen und es gab keine Heizung im Theater. Trotz dieser Widrigkeiten war es eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Doch dann, nach 17 Jahren als Tänzerin, wechselten Sie von der Bühne in den Backstage-Bereich und wurden Trainingsleiterin, Ballettmeisterin, choreographische Assistentin. War das ein grosser Schritt oder eine logische Fortsetzung? Das erste Jahr, nachdem ich zu tanzen aufgehört hatte, konnte ich es nicht ertra- gen, in der Nähe eines Theaters zu sein. Der Physiotherapeut, der sich in Basel um die Tänzerinnen und Tänzer kümmerte, bot mir einen Job in seiner Praxis an. Das gab mir die Zeit durchzuatmen, zur Ruhe zu kommen, neu zu bewerten und eine andere Welt zu erleben. Für diese Chance werde ich ihm immer dankbar sein. Dann eröffnete Martin Schläpfer – ein befreundeter Tänzer und jetzt Ballettdirektor der Wiener Staatsoper – hier in Basel eine Ballettschule. Ich gab anfangs in einigen Klassen Unterricht und übernahm schliesslich seine Schule. Von da an haben sich die Dinge einfach weiterentwickelt ...

Wie änderte sich Ihr Leben, als Sie nicht mehr auf der Bühne, sondern hinter den Kulissen arbeiteten? Tänzerin zu sein ist ein Luxus. Alles wird für einen organisiert und man muss sich nur um sich selbst kümmern, auf die Bühne gehen und das Tanzen geniessen. Man ist nur für sich selbst verantwortlich. Heute bin ich für ein grosses Team, bestehend aus Lehrpersonen, Pianisten und Hauspersonal sowie für die künstlerische Vision der Schule verantwortlich und für den Lehrplan, die Planung der Aufführungen, die Kostüme und die Koordination von allem innerhalb des Theaters.

Als Sie Ihre Berufskarriere als Tänzerin beendeten, schworen Sie sich: «Niemals Ballettlehrerin!» Woher der Umschwung? Sag niemals nie! Ich denke, nach mehr als zehn Jahren Freiberuflichkeit war ich reisemüde. Gleichzeitig wurde mir klar, dass es in Basel für junge, aufstrebende Tänzerinnen und Tänzer keine professionelle Ausbildungsmöglichkeit gab. Als ich erfuhr, dass Richard Wherlock die Leitung in Basel übernahm und die damalige Leiterin der Ballettschule in den Ruhestand ging, fragte ich ihn, ob er jemanden suchte, der die Schule übernehmen würde. Und so begann 2001 für mich und Julie Wherlock, die die Junior School übernahm, das grosse Abenteuer: Die Ballettschule Theater Basel in ihrer heutigen Form – mit einem professionellen und einem Freizeitbereich – wurde geboren. Das Wachstum der Schule war exponentiell, und mit ihm kam eine Menge Anerkennung innerhalb der Tanzgemeinschaft. Auch dank der grossen ideellen und finanziellen Unterstützung unseres grössten Förderers Fred Feldpausch konnten wir nach und nach das Angebot ausbauen. Wir wurden vom Migros-Kulturprozent anerkannt und auf die Liste der anerkannten Stipendienschulen gesetzt. Wir entwickelten eine enge Beziehung zum Sportamt Basel-Stadt, was unseren Schülerinnen und Schülern ermöglichte, an den «Sportklassen» teilzunehmen. 2013 erreichten wir mit der Anerkennung unserer professionellen Ausbildung als «Bühnentänzer/in EFZ» ein weiteres wichtiges Zwischenziel. Zudem wurden wir Partnerschule des Prix de Lausanne und des Youth American Grand Prix (den beiden grössten Wettbewerben für junge Tänzerinnen und Tänzer) und unsere Schülerinnen und Schüler werden von namhaften Kompanien auf der ganzen Welt rekrutiert. 2015 wurde unsere Arbeit mit dem Preis der FondationHeinz Spoerli ausgezeichnet. Alles in allem waren die Jahre von 2012 bis 2016 sehr hektisch, weil ich da auch die künstlerische Leitung des Prix de Lausanne übernahm. Zum Glück habe ich einen tollen Ehemann, der mich immer unterstützt hat – sonst wäre das nicht möglich gewesen.

Als Direktorin der Ballettschule sind Sie eher Organisatorin und Verwalterin. Wo können Sie Ihre Kreativität ausleben? Glücklicherweise bereiten mir die organisatorischen Aufgaben ebenfalls viel Freude und ich bin sehr gut im Multitasking. Am Anfang stellte die administrative Seite keine grosse Herausforderung dar, da die Schule sehr klein war – es waren lediglich etwa 120 Schülerinnen und Schüler, heute sind es 350. Damit nahmen die Verwaltungsaufgaben immer mehr Zeit in Anspruch und es wurde immer schwieriger, Zeit für die Arbeit im Studio zu finden. Aber als Leiterin einer Organisation wie der BTB muss man zwangsläufig kreativ sein, damit die Dinge funktionieren. Als zum Beispiel die Sportklassen geschaffen wurden, habe ich dafür gesorgt, dass Ballett als Sportart anerkannt wurde. Dies ermöglichte den Schülerinnen und Schülern zur Schule zu gehen und bis zum Alter von zwölf Jahren parallel dazu mindestens zwölf Stunden pro Woche Ballett zu trainieren. Meine grösste kreative Herausforderung heute ist herauszufinden, wie ich meine künstlerischen Ziele mit einem sehr, sehr kleinen Budget erreichen kann. Ein grösseres Budget würde mir die Freiheit geben, die Schule wirklich nach meiner Vision zu entwickeln. Professionelle Schulen unseres Niveaus sind heute in der Lage, eine Marketing- und PR-Abteilung zu beschäftigen, verfügen über eine komplette Büroabteilung und angemessene Studioräume. Im Moment sind wir in diesem Bereich ziemlich eingeschränkt, so dass wir sehr kreativ sein müssen, um die notwendigen Dinge zu erledigen. Zum Glück haben wir jetzt eine sehr gute Geschäftsführerin, so dass ich freier bin, um strategisch zu denken.


> Lesen Sie mehr über Amanda Bennett, über das heutige Berufsbild von Tänzerinnen und Tänzern und die geplanten Feierlichkeiten anlässlich des 20-Jahr-Jubiläums.


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