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WIESO «TINY WEDDINGS» IM TREND LIEGEN

Hochzeiten in kleinem Rahmen florieren. Covid-19 hat uns auf allen Bereichen des Lebens zu einer Kalibrierung gezwungen. Es sind offensichtlich die kleinen Dinge, die nicht nur das Leben, sondern auch Hochzeiten zu etwas Besonderem machen.

Judith Ravasi

Unter Tiny Weddings, auch Micro- oder Small Weddings genannt, versteht man Hochzeiten, die in einem kleinen Rahmen mit weniger als 30 Gästen gefeiert werden. Dass wegen Covid-19 noch ein positiver Trend entstehen würde, hätte wohl keiner gedacht. Die Eventbranche hatte doch – wie kaum eine andere – kläglich unter den Restriktionen gelitten. Hochzeitsfeste wurden zuerst verboten, dann für ca. 30 und später für nur 15 Personen gestattet.


Im Hochzeitsbusiness muss man stets höchste Flexibilität aufweisen. Was mich jedoch letztes Jahr ereilte, darauf war ich nicht vorbereitet: In den Frühlings- und Sommermonaten befand ich mich mitten in Planungsphasen anstatt mich wie üblich bereits mit den Umsetzungen der Hochzeitskonzepte zu befassen. Die Planungsphasen für bevorstehende Hochzeiten zeichneten sich meist durch schnelles Anpassen auf kleinste Teilnehmerzahlen aus und wechselten in lange Phasen der Trägheit hinüber, bis hin zu der Erkenntnis, dass sie doch lieber auf 2021 oder besser noch 2022 verschoben werden müssten.

Dieses Unbekannte, diese Ungewissheit war wohl die schwerste Bürde, die auf uns Experten zukam, denn wie sollte man den Paaren beratend beiseite stehen, wenn die Zukunft ungewiss war. Niemand wusste, wann Feste wieder normal abgehalten werden konnten. Wir alle befanden uns im Nebel aus Unbekannten. In dieser Situation war auch für das Paar schwierig, die Freude auf die Vorbereitungszeit aufrecht zu erhalten. ANPASSUNG war angesagt. Mehr blieb einem nicht übrig.

Ich machte Selbstreflektion zum Thema und gab meinen Brautpaaren «Hausaufgaben» auf. Sie sollten mir folgende Fragen beantworten: WAS brauche ich WIRKLICH an meiner Hochzeit?

  • Brauche ich wirklich ein Fest mit über 100 Personen, bei dem ich den ganzen Tag damit beschäftigt bin, mich mit allen Gästen ein kurzes Gespräch zu führen, nur um das Gefühl aufkommen zu lassen, allen gerecht zu werden? Möchte ich mich danach völlig ausgebrannt fühlen, obwohl ich den Tag hätte geniessen sollen, denn eigentlich wäre es MEIN Tag gewesen?

  • Muss ich meinen alten Schulfreund Thomas, der mich zwar vor sieben Jahren zu seiner Hochzeit eingeladen hat, aber bei dem der Kontakt im Laufe der Zeit immer spärlicher wurde, einladen?

  • Und muss ich Cousine S., die neuerdings als Patchwork Familie mit ihren drei und den zwei Kindern ihres neuen Partners zusammenlebt, einladen, nur damit sich niemand ausgeschlossen fühlt?

  • Brauche ich ein spektakuläres Feuerwerk vom Boot aus?

  • Brauche ich den weissen Teppich, auf dem ich zum Altar schreite, wirklich?

  • Brauche ich wirklich fünf verschiedene Highlights damit keine Langeweile aufkommt?


Paare möchten sich UND ihren Gästen einen ganz besonderen Tag schenken, ganz getreu dem Motto: es soll der schönste Tag im Leben werden. Früher bedeutete es, den Gästen einen unvergesslichen Spektakel zu bieten, was automatisch zu Druck führte. Meist blieben die eigenen, wirklichen Bedürfnisse auf der Strecke.


Heute geht es dem Brautpaar um sich selbst und um die, die ihnen am nächsten stehen. Denn aufgrund des Innehaltens, des In-sich-Gehens wurden vielen Paaren bewusst, WAS und WER ihnen am wichtigsten ist, damit sich der Hochzeitstag wirklich besonders anfühlt. Während viele Paare ihre Hochzeit verschoben und neu geplant haben, haben sich andere für kleinere Zeremonien entschieden, die Gästeliste gekürzt, den Veranstaltungsort gewechselt und sind in der Nähe geblieben, anstatt Hochzeiten an einem bestimmten Ort im Ausland zu feiern.

Diese Wende bestimmte den aufkommenden Trend zu Tiny-Hochzeiten, die allen Anschein nach auch nach den Lockerungen bzw. dem Rückkehr ins normale Leben vorhanden bleiben wird. Tiny Weddings bringen zahlreiche Vorteile mit sich. So macht es die Hochzeitsfeier deutlich intimer und persönlicher. Der Fokus liegt auf das Liebesbekenntnis des Paares und dieses soll nur mit den engsten Herzensmenschen zusammen zelebriert werden.

Bei kleineren Hochzeiten können persönliche Akzente, die den Tag so besonders machen, die Gäste besser erreichen. Beispielsweise können speziell aufwendig hergestellte und handgearbeitete Gastgeschenke die Herzen der Gäste höher schlagen lassen. Das Essen bietet mehr Flexibilität, so kann der Fokus mehr auf die Qualität der Speisen gelegt werden bzw. auf das, was man kennt und liebt. Auf den traditionellen Caterer, auf den man aufgrund der hohen Gästeanzahl ausweichen hätte müssen, kann verzichtet werden. Dafür ist es dem Lieblingsrestaurant nun möglich, die kleine Hochzeitsgesellschaft zu bewirtschaften.

Aber keine Sorge, Verkleinerung bedeutet keineswegs Verzicht. Ganz im Gegenteil. So legen viele Brautpaare nun verstärkt den Fokus auf opulenten Blumenschmuck, was die Exklusivität des Hochzeitsfests automatisch unterstreicht. Der Gedanke, das Fest besonders ausfallen zu lassen, ist bei den Paaren nach wie vor vorhanden, nur die Bereiche hinsichtlich der Wirkung haben sich verlagert.

Tiny Weddings haben auch die Brautmode beeinflusst. «Schlichte Eleganz», der Trend zu minimalistischen, dezenten Looks floriert. Die Kleider zeigen weich fliessende Silhouetten, die besonders zeitlos, schlicht aber dennoch sinnlich und edel wirken.

Covid-19 hat uns auf allen Bereichen des Lebens zu einer Kalibrierung gezwungen. Speziell zum Thema Hochzeiten fühlt sich diese aber zeitgemäss an. Es sind offensichtlich die kleinen Dinge, das Mikro, die nicht nur das Leben, sondern auch Hochzeiten zu etwas Besonderem machen: Ein Lächeln, ein gutes Gespräch, eine Umarmung.


Klein und schlicht, aber dennoch elegant – der aktuelle Hochzeitstrend setzt auf Bescheidenheit und Minimalismus.

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