Selbstwertgefühl stärken: Wenn das Selbstbild uns im Weg steht
- Dora Borostyan

- 3. Aug.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 3 Tagen
Im berühmten Dove-Experiment «Real Beauty Sketches» aus dem Jahr 2013 wurden Frauen von einem FBI-trainierten Forensiker zweimal gezeichnet: einmal nach ihrer eigenen Beschreibung und einmal nach der Beschreibung einer fremden Person. Die Frauen sahen den Zeichner dabei nicht, und auch er sah sie nicht. Erst am Ende wurden die beiden Porträts nebeneinander gezeigt.
Das Ergebnis war erschütternd: Alle Frauen im Experiment beschrieben sich selbst deutlich kritischer, härter und unvorteilhafter, als fremde Personen sie wahrnahmen. Die Selbstporträts wirkten strenger, verschlossener und weniger lebendig. Die Porträts nach der Beschreibung anderer Menschen zeigten dieselben Frauen weicher, offener, positiver und wohlwollender.
Mit anderen Worten: Die Frauen im Experiment sahen sich selbst nicht so, wie sie tatsächlich wirkten. Jede von ihnen hatte einen verzerrten Blick auf sich selbst. Wie ist das bei Ihnen? Was sehen Sie im Spiegel?

Image by Dora Borostyan
Wenn der Blick zur Lupe wird
Sie kennen das sicher auch: Sie konzentrieren sich auf etwas – und es wird immer grösser. Bei einem vermeintlichen Makel kann das die Haut sein, die Figur, die Augen, das Alter oder einfach der Gesichtsausdruck auf einem Foto. Je länger der Blick darauf ruht, desto zentraler wird dieser eine Punkt, bis er fast das ganze Bild einnimmt.
Dieses Muster kennen wir auch aus anderen Lebensbereichen – aus der Partnerschaft, der Gesundheit, aus Ängsten. Was immer wieder gedanklich durchgegangen wird, bekommt Gewicht: Eine Unsicherheit wird stärker, eine Schwäche wirkt grösser, und irgendwann beginnt sich ein Zweifel wie eine Tatsache anzufühlen.
Psychologen nennen das den Spotlight-Effekt: Der Fokus wandert auf einen einzigen Punkt, und dieser Punkt scheint plötzlich alles andere zu überstrahlen.
Doch die entscheidende Frage ist: Sehen andere wirklich dasselbe?

Die Welt sieht oft mehr als den Makel
Andere Menschen nehmen selten nur ein einzelnes Detail wahr. Sie sehen nicht nur Augenringe, sondern einen wachen, aufmerksamen Blick. Nicht nur eine Falte, sondern ein Gesicht, das Geschichten trägt. Nicht nur eine Körperstelle, sondern eine Frau, die sich bewegt, lacht, spricht, wirkt.
Sie selbst bleiben dagegen oft an genau dem hängen, was Sie stört.
So entsteht eine Kluft zwischen Selbstbild und Fremdbild. Vielleicht sehen Sie Augenringe – andere sehen leuchtende Augen. Vielleicht sehen Sie ein paar Kilos zu viel – andere sehen einen eleganten Gang. Vielleicht sehen Sie Müdigkeit im Gesicht – andere erleben Ruhe, Tiefe oder Präsenz.
Diese Kluft ist nicht harmlos. Denn Sie handeln nicht nach dem, was tatsächlich sichtbar ist. Sie handeln nach dem Bild, das Sie von sich selbst glauben.
Ein verzerrtes Selbstbild bleibt nicht im Badezimmer
Dieser verzerrte Blick
beeinflusst alles: die Wahl unserer Freunde, die Qualität unserer Beziehungen, die Jobs, auf die wir
uns bewerben – und letztlich all die Möglichkeiten, die wir uns im Leben überhaupt zutrauen.
Wenn Sie sich unscheinbar fühlen, treten Sie oft auch unscheinbarer auf. Wer glaubt, nicht interessant genug zu sein, hält sich in Gesprächen zurück, sagt weniger, lacht weniger. Und wer denkt, nicht attraktiv genug zu sein, akzeptiert manchmal Beziehungen, die den eigenen Wert längst nicht mehr spiegeln – oder bewirbt sich gar nicht erst auf die Position, die eigentlich passen würde.
So wird aus einem verzerrten Selbstbild ein äusseres Muster: ein zu kleiner Auftritt, eine unpassende Beziehung, ein Job unter dem eigenen Potenzial, verpasste Möglichkeiten oder das Gefühl, nicht wirklich gesehen zu werden.
Nicht, weil Sie keinen Wert hätten.
Sondern weil Sie Ihren eigenen Wert durch einen verzerrten Spiegel betrachten.

Wenn der innere Blick zur Gewohnheit wird
Ich kenne dieses Phänomen aus meiner Arbeit sehr gut. In den letzten 25 Jahren habe ich in der Beauty-, Mode- und Medienwelt mit über tausend Frauen gearbeitet – Ich habe Frauen geschminkt, gestylt, fotografiert, beraten und in ihrer Wirkung begleitet.
Dabei habe ich immer wieder erlebt: Es ist selten das Äussere, das im Weg steht. Es ist die Art, wie eine Frau sich selbst betrachtet.
Diese innere Betrachtung entsteht nicht plötzlich. Sie wächst langsam. Ein Kommentar. Ein Vergleich. Ein Foto, das nicht gefällt. Eine Phase im Leben, in der sich vieles verändert. Eine Rolle, in der eine Frau lange funktioniert hat. Irgendwann entsteht daraus eine innere Sammlung von Eindrücken: nicht genug, nicht richtig, nicht so, wie es sein sollte.
Mit der Zeit wird diese innere Stimme vertraut. Und was vertraut ist, fühlt sich irgendwann wahr an.
Doch Vertrautheit ist nicht Wahrheit.
Genau deshalb beginnt Selbstwertgefühl nicht mit einem neuen Look, sondern mit einem neuen Blick.
Selbstwertgefühl stärken heisst, den Blick zu prüfen
Selbstwertgefühl stärken bedeutet nicht, sich etwas schönzureden. Es bedeutet auch nicht, Zweifel zu ignorieren oder sich selbst zu überreden. Es bedeutet, eine ehrliche Frage zu stellen:
Ist das Bild, das ich von mir habe, wirklich richtig?
Diese Frage öffnet die Möglichkeit, dass das eigene Bild eventuell nicht die ganze Wahrheit zeigt. Dass ein vermeintlicher Makel vielleicht nie so sichtbar war, wie er sich anfühlt. Dass eine Unsicherheit mehr über eine alte Erfahrung erzählt als über die tatsächliche Wirkung im Hier und Jetzt. Und dass andere längst etwas anderes wahrnehmen, das man selbst nicht mehr sieht.
Veränderung beginnt durch eine Korrektur der eigene Wahrnehmung – und diese Korrektur entsteht selten allein vor dem Spiegel.

Warum andere Perspektiven so wichtig und wertvoll sind
Sie können vertraute Menschen fragen, wie Sie auf sie wirken: Freunde, Familie, Partner oder Kollegen. Solche Gespräche können sehr wertvoll sein, weil sie zeigen, dass der eigene Blick nicht die einzige Realität ist.
Gleichzeitig haben vertraute Menschen eine Grenze. Sie kennen Ihre Geschichte. Sie kennen alte Rollen. Sie schützen, vergleichen, erinnern sich. Ihr Blick ist ehrlich – aber nicht immer frei.
Manchmal braucht es deshalb einen anderen Spiegel. Einen Blick von Frauen, die keine gemeinsame Vergangenheit mit Ihnen teilen. Keine alte Version von Ihnen kennen. Keine Erwartungen haben. Keine Rolle im Kopf tragen. Gerade diese unvoreingenommene Wahrnehmung macht sichtbar, welche Wirkung tatsächlich im Raum entsteht.
Und genau dort wird aus Erkenntnis eine Erfahrung.
Der Visual Impact Day ist für mich dieser andere Ort. Immer wieder bin ich erstaunt, welche Erkenntnisse an einem einzigen Tag entstehen können, wenn Frauen sich gegenseitig ehrlich spiegeln. Frauen, die sich am Abend anders wahrnehmen, als sie am Morgen gekommen sind – nicht, weil ihnen jemand etwas eingeredet hätte, sondern weil sie zum ersten Mal seit Langem gesehen haben, was andere längst sehen.
Wer den Mut hat, sich durch die Augen anderer zu sehen, entdeckt nicht nur ein neues Spiegelbild. Sie gewinnt die Freiheit, sich selbst wieder zu vertrauen.
Dora Borostyan ist Expertin für visuelle Transformation und Wirkung. In ihren Workshops beschäftigen sich Frauen mit der Frage, wie Selbstbild und Fremdwahrnehmung auseinandergehen.



