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IM GESPRÄCH MIT FLORENCE DEVELEY

Aktualisiert: Feb 24

Reinacher Pfarrerin mit Herz für Tiere



Von Michèle Faller

Es ist ein sonniger Wintertag. Im Gartencafé des Bistros Glöggli mit Blick auf die schnör- kellos-elegante Betonarchitektur der Mischeli-Kirche und die grosszügige Anlage, wo sich Hasen, Meerschweinchen und zwei kleine Ziegen tummeln, sitzt die Pfarrerin im weissen Kleid und ist voll und ganz in Weihnachtsstimmung. Das überrascht nur einen kurzen Moment, denn indem sie sich den letzten Rest Schleifstaub aus dem Gesicht reibt, fügt sie hinzu: «Wir sind mitten in den Vorbereitungen fürs Krippenspiel und bauen gerade am Bühnenbild. Es gibt ein Musical – eine grosse Sache!»


Florence Develey, seit 14 Jahren Pfarrerin an der reformierten Kirche in Reinach, mag Weihnachten. Das merkt man an ihrem freudigen Blick – trotz der lässigen Erklärung, dass es mit Weihnachten wie mit dem Fussball sei, nach dem Match sei vor dem Match — und man merkt es unmissverständlich, wenn man das Vorwort ihrer vor einigen Jah- ren erschienenen Adventsgeschichtensammlung liest, wo es um die Weihnachtsfeier in der Familie geht.


«Wir leben von den biblischen Geschichten.»


Die Theologin, die während des Studiums als Pfarrerin auf einem Kreuzfahrtschiff jobbte und kurz nach Uniabschluss als Sprecherin des «Worts zum Sonntag» einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, veröffentlichte drei weihnächtliche Bücher und einige reizende Kinderbücher. In nächster Zeit sei jedoch kein neues Buch geplant, sagt sie ganz ohne Bedauern. Sie habe alles, was sie habe schreiben wollen, bereits geschrie- ben. «Wobei», räumt sie mit schelmischem Lächeln ein, «ein Krimi im Pfarrhaus fände ich sehr lustig!» Doch damit, wie auch mit den wahren Geschichten aus dem Pfarrhaus warte sie noch bis nach der Pensionierung. Da dies ja noch eine ganze Weile dauert, sind wir froh, dass sie mit einer Anekdote, die einem bereits pensionierten Kollegen passierte, jetzt schon herausrückt: Eine Abdankung in der Peterskirche, auf dem eher schmalen Altar steht die Urne. Der Pfarrer holt zu einer grossen Geste aus — und fegt aus Versehen die Urne vom Altar, direkt den Angehörigen vor die Füsse. Der Sigrist wischt die Asche zusammen und da kein anderer Behälter da ist, behilft er sich mit einem Putzkessel. «Die Angehörigen waren empört. Seither hatte der Kollege immer eine Ersatzurne dabei.» Sie selber habe bei Trauungen auch immer zwei goldene Ringe dabei und sogar ein Schleierchen sowie einen Brautstrauss aus Stoffblumen. «Diese Dinge gehen oft vergessen», weiss die Pfarrerin.


Das Geschichtenerzählen könnte vererbt sein. Denn an Weihnachten war es ihr Vater, der jeweils gekonnt eine Geschichte vortrug. Mal eine fröhliche, mal eine fromme. Mal eine skurrile, nachdenkliche oder auch traurige. Schliesslich gibt es an Weihnachten ja nicht nur Besinnung und Freude, sondern auch Streit oder Hektik. Die Pfarrerin nickt zustimmend. «Es ist mir wichtig, dass diese Aspekte nicht tabu sind.» Aber das Stich- wort Hektik lässt sie nicht unkommentiert. «Früher predigte ich in der Weihnachtszeit oft, dass alle im Stress seien, aber das stimmt gar nicht.» Je länger, je mehr merke sie, dass die grossen Themen vielmehr Trauer und Alleinsein seien — Trauer um verstorbene Ehepartner, um das vergangene Leben.


Offene Weihnacht für Alt und Jung


«Es gibt immer mehr alte Menschen, und wenn man alt ist, gibt es oft keine Hektik mehr. Dann sind die Tage lang.» Hier müsse man umdenken und die Leute einladen. Das tut das Team der Reinacher Kirchgemeinde jedes Jahr, und zwar mit der «Offenen Weihnacht». Hauptklientel seien ältere Leute, aber auch Familien und Asylsuchende — auch solche anderer Religionen — seien dabei. «Es ist eine traditionelle Weihnachtsfeier mit Bäumchen, Musik, Essen und einer Geschichte. Nicht überladen, aber sehr schön.» Damit sind wir wieder bei den Geschichten. Ist man als Pfarrerin nicht sowieso eine Geschichtenerzählerin? «Absolut», stimmt Develey zu. Der Unterschied zwischen Seelsorger und Psychiater, nach dem sie manchmal gefragt werde: «Wir leben von den biblischen Geschichten.» Nicht immer erwähne sie die Geschichte, wenn jemand ein Problem schildere, aber sie habe sie immer im Hinterkopf und versuche, anhand der jeweiligen Lösung die Leute zu beraten. Natürlich stehe in der Bibel nichts dazu, wie lange ein Kind am Handy sein solle. «Aber es gibt Geschichten zu den Generationen oder zur Konzentration.» Ob in der Predigt, in der Seelsorge oder im Konfirmationsunterricht, es gehe immer ums Geschichtenerzählen — um biblische oder auch eigene.


Dass viele Leute nur an Weihnachten den Gottesdienst besuchen, findet die Pfarrerin nicht schlimm. «Obwohl es natürlich der Traum jedes Pfarrers ist, dass die Kirche jeden Sonntag voll ist.» Aber schade findet sie, dass die Spiritualität allgemein verkümmere, dass viele erst dann zur Pfarrerin kämen, wenn sie in einer Krise steckten und quasi eine Schnellbleiche zum Glauben erwarteten. «Viele beklagen, dass die Gemeinschaft verloren gehe, aber sie treten alle aus der Gemeinschaft aus, der sie fast seit der Geburt angehören!»



Florence Develey erzählt mit ansteckender Begeisterung — eine Pfarrerin mit Leib und Seele, denkt man unwillkürlich. Dabei wollte sie zuerst Krankenschwester werden. Pfarrerin war eher eine spontane, nicht einmal ganz ernst gemeinte Idee. Dann begann sie Theologie zu studieren, fand es «superinteressant» und bald war es keine Frage mehr, ob es das Richtige sei. Aufgewachsen ist sie katholisch, wechselte aber kurz vor Studi- enabschluss die Konfession, denn in der katholischen Kirche hätte sie nicht Pfarrerin, sondern nur Laientheologin werden können. «Das, was Spass macht, darf man da gar nicht machen, Taufen zum Beispiel. Dafür war ich dann doch zu emanzipiert.»


Begegnungen mit Menschen und Hasen


Der Platz vor dem neuen, vom Heimatschutz ausgezeichneten Kirchgemeindezentrum ist belebt. «Hallo Florence!», ruft eine Frau von Weitem und immer wieder winkt die Pfarrerin mit herzlichem Lächeln jemandem zu. «Hier kommen mehrere Generationen zusammen», sagt Develey und schwärmt vom Austausch, der mit Spielplatz, Jugendhaus, Bistro und den neuen Seniorenwohnungen auf dem Mischeli-Areal entstehe. Dazu gehört natürlich auch die «Hasienda». Auf dem geräumigen eingezäunten Areal, das die Kirchgemeinde zur Verfügung stellt, hoppeln rund 40 Hasen und Meerschweinchen herum, die die Pfarrerin alle mit Namen kennt.


Angefangen hat es mit drei Pflegehasen ihres Patenkinds und zweier anderer Mädchen und später kamen lauter Nager dazu, die kein Zuhause mehr hatten. Die Pfarrerin demonstriert, wie man einen Hasen einfängt, stellt Shadow und Barbie vor, unterhält sich so herzerwärmend wie witzig mit Nebel und Isbi und warnt vor dem angriffigen Zwergziegenbock, den sie mit Salatblättern ablenkt. «Ich mochte Tiere schon immer sehr», sagt Florence Develey, die zu Hause ausserdem eine Katze und drei Hunde beherbergt. «‹Die mag die Menschen nicht›, denken doch manchmal die Leute. Aber ich liebe die Menschen!» — Als ob dies noch jemand anzweifeln könnte.

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