• BASLERIN

CARMEN PERRIN «DÉSORDRES«

Aktualisiert: Feb 24

Vernissage: Samstag, 2. November, 11 bis 14 Uhr

Ausstellung vom 6. November 2019 bis 4. Januar 2020



Scheuen wir uns nicht vor Verbindungen. Die Welt ist, was wir durchdringen und was uns in jedem Augenblick durchdringt. Emanuele Coccia, La vie des plantes, 2016

Der Titel den ich für diese Ausstellung gewählt habe, verweist auf meine Art und Weise Beziehungen zu schaffen zwischen den graphischen Elementen, den Materialien oder den Gegenständen, die ich verfremde. Die Arbeit nährt sich von einer ständigen Aufmerksamkeit nach aussen, um in meinen Gedanken unerwartete Parameter einzuführen, die mich dazu zwingen, durch neue Wege die Fragen wieder aufzunehmen, die mich seit dem Beginn meines künstlerischen Werdegangs interessieren und beschäftigen. Es geht dabei um Spannung, sowie um Kräfteverhältnisse, die in uns sind, die uns umhüllen und die uns ausmachen. Sei es die Natur, die Techniken, die Funktion unseres eigenen Körpers oder unserer Denkweise – die Erkenntnis ist immer die gleiche: kein fixer Punkt, nur Bewegung und Vermischung. Jedes Werk bietet die Gelegenheit einer Hybridisierung, die eine Vervielfachung und eine Vielfalt der Formen fördert. Es wird ein Umfeld von Umbruchsmomenten, aufgrund einer Verknüpfung zwischen einem Material, einem gefundenen Gegenstand und einer zumeist repetitiven Arbeitsgeste, sowie einiger Elementarvorgaben, die zu befolgen ich mich bemühe. Ich behalte jedoch stets die Freiheit, sie zu übertreten oder ihnen zu widersprechen, und zwar in Momenten wo ich errate, dass eine neue Tür sich öffnet.

In der Serie Dessins jaunes zum Beispiel handelt es sich darum, eine Zeichnung zu schaffen und dabei auf der Papieroberfläche nur flache Oberflächen und gerade Linien zu artikulieren, um visuell, in einer Folge von Zufällen, organische Volumen hervorkommen zu lassen. Die Serie Empreintes (Abdrücke, Spuren) besteht darin Abdrücke von Alltagsgegenständen zu machen, deren Gebrauch eine spezifische Bewegung mit sich bringt, und Skulpturen im menschlichen Mass zu schaffen, deren Formen eine Art Absenz/Präsenz von jedem behandelten Gegenstand enthüllen – als wäre er im Schwung eines Gebrauchs gestoppt oder, wie im Werk ECHOS 2019, gefangen in der Anhäufung von Volumen, die eine Architektur-Dimension heraufbeschwören.


Das Motiv des Kreises taucht oft in meinen Werken auf, in Form von Lochungen in einem Material wie zum Beispiel dem Schaumgummi für das Werk Capteur, 2019, um die Stratifizierung in der Masse, sowie die Mischung der Farben in der Lochung zu zeigen. Aber seit einigen Jahren ist dieses Motiv auch präsent in einer Serie von Zeichnungen, die ich auf einer runden mit Hilfe eines Motors angetriebenen Holzplatte ausführe, die sich verschieden schnell dreht. Die Wahl des Papiers und der Werkzeuge wird getroffen, je nachdem wie sie mit den Zentrifugal- und den Zentripetalkräften des Gerätes zusammen reagieren. Um zum Beispiel Tourné coulé gouttes, 2017 zu machen wird das Papier auf der Platte befestigt und der Motor auf die höchste Geschwindigkeit eingestellt; darauf wird diese Zeichnung gemacht, ohne dass ein Werkzeug oder die Hand einen direkten Kontakt mit der Oberfläche hat. Es werden Tropfen auf das Papier fallengelassen. Je näher die Tropfen beim Zentrum fallen, umso weniger verformen sie sich. Je näher sie am Rand fallen, da, wo die Geschwindigkeit am grössten ist, umso länger werden sie – sie werden zu Linien.

Die Artikulierung von Voll und Leer im Werk FELIX 2019 geht ebenfalls aus einer einfachen Konstruktionsregel hervor, um einer Geometrie, die sich virtuell ausserhalb des Blickfeldes fortzusetzen scheint, ein skulpturales Ausmass zu geben. Das Holz ist geschnitzt und gefärbt worden, um zuerst visuell Voll und Leer der Zeichnung zu enthüllen und einen Zweifel an der Beschaffung des Materials aufkommen zu lassen, dessen Textur sich offenbart, sobald man näher kommt. Und so weiter: so eröffnen die von einer Serie zur andern sich aufeinander-folgenden Werke neue Experimente, sie lösen den Beginn einer neuen Serie aus und das Bedürfnis, für einen Augenblick ein wenig Ordnung  in der neuen Unordnung zu schaffen.


Galerie Gisèle Linder

, Elisabethenstrasse 54, 4051 Basel

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